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Worum geht es?
In den Hochburgen der Narretei, am Rhein, kennen wir den Kölner Karneval
und unter Aussparung von Aachen und Düsseldorf die Mainzer Fastnacht. Im
Südwesten nun gibt es neben den schwäbisch-alemannischen Fasnetzünften
mittlerweile auch Karnevalsvereine. Im Ländle überwiegen allerdings die
Fasnetzünfte, die ihren Ursprung aus der schwäbisch-alemannischen
Tradition herleiten.
Aber damit noch nicht
genug der Vielfalt. Jede närrische Einheit hat, ob nun im Norden oder im
Süden der Republik beheimatet, einen oder mehrere Repräsentanten, denen
die Narrenschar protokollgerecht zu huldigen hat. Isoliert betrachtet kann
dies das so genannte Dreigestirn sein mit Prinz, Bauer und Jungfrau, oder
ein Prinz allein, Prinz und Prinzessin oder ein Filderbauer.
Diese Herrschaften sind
angehalten, Orden und Küsschen zu vergeben, schön und möglichst reich zu
sein, im Faschingsumzug auf dem prächtigsten Wagen zu fahren, sich
zujubeln zu lassen, aber ansonsten den Mund zu halten. Ihnen sowie den
Narren und Narrenalesen zu Ehren verordnet der Präsident einer
Karnevalsveranstaltung, meist “Sitzung“ geheißen, je nach Landstricht “ein
dreifach donnerndes“ Helau, Alaaf, Tschä-Hoi, was dann auch mit einer ans
frühere “Tele-Winken“ erinnernden Handbewebung vollzogen wird.
Während nun aber zum
Beispiel in Köln am Rhein –oder auch in München – nur ein einziger Prinz
für die gesamte närrische Zeit zuständig ist, reicht in Stuttgart selten
die Bühne der Liederhalle aus, um die hoheitlichen Narren und deren
Hofstaat zu empfangen. Jede Karnevalgesellschaft lässt es sich nämlich
hierzulande nicht nehmen, ein eigenes Prinzenpaar zu küren und dieses
jeweils bei den anderen Gesellschaften herumzureichen. Im Gefolge dieser
Tollitäten befinden sich in der Regel nur ein paar Hofdamen. Dies muss
Erwähnung finden, weil im Gegensatz dazu der rheinische Karneval eine Art
Generalmobilmachung mit Holzgewehren “bewaffneter“ Soldateska darstellt.
So müssen sich die
närrischen Hofkapellmeister in Aachen nicht selten mit dem Narhalla-Marsch
die Arme lahm dirigieren. So lange, bis die blauen und roten Garden, deren
Offiziere, Generäle und Generalfeldmarschälle durch die langen Reihen
ihrer sich zu Ehren erhobenen Karnevalsgäste durch gewunken, und auf der
meistens viel zu kleinen Bühne Aufstellung genommen haben. Dort ertönen
dann nach einem dreifachen Tusch markige Kommandos und das Tanzmariechen
wirft dank der Muskelkraft ihres Tanzmajors sich, die Röcke und die Beine
in die Luft.
In Stuttgart
verfügt ebenso jede Karnevalsgesellschaft über eine oder auch mehrere
Garden, diese rekrutieren sich ebenso aus meist sehr anmutigen Mädchen, die
von einer Majorin angeführt werden.
Im Unterschied zu den
Narrenzünften und dem Karneval in Rio läuft im deutschen Karneval nichts
ohne die Elfer- Räte, dem Präsidium einer
Karnevalsgesellschaft.
Es gibt da noch einen
Unterschied des Karnevals zu den Narrenzünften, aber diesmal nicht zum
Karneval in Rio: diejenigen Mitglieder der Karnevalsvereine die am
Rosenmontag oder Faschingsdienstag durch die Straßen ziehen , sind immer
viel zu dünn angezogen. Die Narrenzünfte hingegen, ursprünglich
Winteraustreiber, haben entsprechend warme Kostüme an. Darüber hinaus
schwitzt es sich besonders gut bei den Narrensprüngen, Höhepunkte
alemannischer Narretei, die unter kunstvoll geschnitzten Masken ausgeführt
werden.
Die
schwäbisch-alemannisch Fasnet kennt die unterschiedlichsten Arten der
Vermummung und vollzieht sich nach einem jeweils festgelegten Zeremoniell,
das ebenso über eine lange Tradition verfügt.
Schon die Römer
feierten im Winter ihre Saturnalien – zu Ehren von Saturn, dem Gott des
Ackerbaus. Dabei wurde auf recht vergnügliche Weise mit Gelagen und
maskierten Umzügen um eine gute Ernte im kommenden Jahr geworben. Die
Alemannen übernahmen den Brauch. Aber sie machten eine ernste Sache
daraus. Sobald die Tage nach
der Winterwende wieder länger wurden ,
vermummten sie sich, legten furcht erregende Masken an und gebärdeten sich
wild, um die Geister und Dämonen des Winters zu vertreiben.
Das Christentum kam und
verlangte Abkehr von den heidnischen Bräuchen. In einer Anordnung des
Abtes von Reichenau aus dem achten Jahrhundert heißt es: “geht nicht als
Hirsche oder als alte Weiber verkleidet umher! Ihr Männer sollt keine
Frauenkleider, ihr Frauen keine Männerkleidung tragen!“
Aber alte Gewohnheiten
legt man nicht so schnell ab –schon gar nicht, wenn sie nebenbei noch Spaß
machen. Aus den heidnisch-kultischen Bräuchen wurde mittelalterlicher
Mummenschanz. Äußerlich spottete man über die alten Überlieferungen, im
Grunde aber nahm man sie doch recht ernst. In manchen Städten entwickelten
sich Fastnachtspiele, die regelmäßig aufgeführt wurden. Diesen
“papistischen“ Sitten, den Gebräuchen der Papstanhänger, machte die
Reformation in weiten Teilen des Landes ein Ende. Fasnet zu feiern, traute
man sich nur noch in den katholischen Gegenden.
Dann kam die
Gegenreformation und mit ihr die Zeit der Klein- und Kleinstfürstentümer.
An den Höfen gingen Schauspieler und Komödianten ein und aus. Das Volk
entdeckte von neuem seine Freude an Maskerade und Spiel. Die Fasnet lebte
wieder auf . Im 19. Jahrhundert wurden viele Narrenzünfte gegründet, die
heute noch bestehen. Damals entstanden auch viele der typischen
Fasnachtsgewänder. Sie waren oft, der Armut gehorchend, aus billigsten
Mittels hergestellt: aus Stroh, Schilf und klappernden Schneckenhäuschen.
Dazu trug man selbstgeschnitzte Masken.
Die tollsten sechs Tage
der Fasnet oder Fasnacht beginnen in Oberschwaben am “Schmotzige Dunschtig“
und enden am Fasnachtsdienstag. (Der “Schmotzige Dunschtig“ hat nichts mit
Schmutz zu tun, sondern mit Schmalz, in dem man die Fasnetskrapfen
bäckt.) Da gibt es Narrenumzüge – wobei jede Stadt und Gemeinde an
bestimmten Figuren und Bräuchen festhält, Kostümbälle und allerlei
ortstypisches Brauchtum, wie zum Beispiel das Stockacher Narrengericht.
Das gibt es seit 1315. Damals erteilte der Habsburger Erzherzog Leopold l
. seinem Hofnarren Cuni von Stocken die Erlaubnis, jedes Jahr in dessen
Heimatstadt Stockach ein “grobgünstiges Narrengericht“ abzuhalten. Das
findet noch heute jeden Fasnachtsdienstag statt. Schon Tage vorher machen
die “Laufnarren“ die Straßen unsicher. Sie bespritzen Passanten mit
Wasser, verpritschen Leute, die sich ihnen in den Weg stellen oder werfen
sie in den Marktbrunnen. Vorgeladene( auch hochgestellte) Personen werden,
an Strohketten gefesselt, dem Gericht vorgeführt und wegen ihrer
Missetaten im vergangenen Jahr verdonnert.
In Überlingen zieht zur
Fasnacht das “karbatschenschellende (peitschenschwingende) Hänsele“ durch
die Straßen. In Friedrichshafen regiert der Hafennarr mit seinem Tross, in
Konstanz tollen am “Schmotzige Dunschtig“ abends die “Hemdenglonker“ durch
die Stadt. In jeder Gemeinde, in jedem Nest ist etwas anderes los.
Es gibt eine ganze
Reihe von weiteren Fasnethochburgen mit einem alljährlichen
“Narrentreffen“. Angefangen in Rottweil über Schömberg, Fridingen,
Tuttlingen bis hin nach Sigmaringen, um hier nur einige zu nennen, wo
regelmäßig am Dreikönigstag die narren das Häs und ihre Masken zur Hand
nahmen und bis zum Fasnetsdienstag ein “Tollen Treiben“ inszenieren.
Maskierung, Gesichtslarve und Kleidung benennt man mit dem heute noch
üblichen Mundartwort Häs. Die Maskierung wird durch Gestik, bei den Hexen
durch Besen, bei anderen durch Peitschen und anderes unterstrichen. In
vielen Orten spielen bestimmte Fasnetstypen eine führende Rolle wie Narro,
Hänsle, Plätzle usw.
Fast jeder Ort bietet
Besonderheiten in der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Entweder durch das
Aufnahmen von ortsbezogenen Sagengestalten wie in Möhringen
“S´Kültelmadleile“ und die “Möhrin“ oder durch Bräuche wie ein uralter
Aufnahmeritus in Sigmaringen, das “Bräuteln“. Hier werden am
Fasnetdienstag alle Männer, die im Laufe des vergangenen Jahres geheiratet
haben, eine silberne oder goldene Hochzeit gefeiert haben oder als bereits
Verheirate neu zugezogen sind, von den Bräutlingsgesellen auf einer
gepolsterten Stange dreimal um einen Brunnen herumgetragen. Als Dank
hierfür werfen dann die Gebräutelten meist Süßigkeiten in die Menge.
Über verschiedene
Faschingsbräuche und Kostüme geben in imposanter Weise das
Narrenschopf-Museum in Bad Dürrheim und das Fasnachtsmuseum Langenstein
einen Überblick.
Hier die Anschriften
der Museen:
Narrenschopf-Museum
7737 Bad Dürrheim,
Luisenstraße(am Kurpark)
Tel: 07726/14294
Fasnachtsmuseum Langenstein
7769 Orsingen-Nenzingen,
Schloß Langenstein
Tel: 07771/2175 |